
Am 14. Februar ist es wieder soweit: Dann stehen selbst in dem nimmer müden Singapur für eine Woche alle Räder still. Dann feiern die Chinesen nämlich ihr wichtigstes Fest des Jahres: ihr Neujahrsfest. Viel ist dieser Tage von chinesischen Mythologien, vom hungrigen Monster und tanzenden Löwen die Rede. Doch was verbirgt sich dahinter? Warum spielt das diesseitige Glück so eine wichtige Rolle? Was hat das ausgeprägte chinesische Kollektivbewusstsein mit dem Harmoniebedürfnis und dem Fest zu tun? Und warum ist das Neujahrsfest auch gleichzeitig ein Fest des Frühlings?
China verfügt über große Agrarflächen und ist in seiner Kultur landwirtschaftlich geprägt. Daher wird vermutet, dass die vielfältigen Bräuche zu Neujahr auf eine lange geschichtliche Tradition von mehr als 3000 Jahren zurückzuführen sind und im Zusammenhang mit landwirtschaftlichen Verrichtungen stehen. Deshalb wurden und werden während des Frühlingsfestes, in dem das alte Jahr verabschiedet und das neue begrüßt wird, verschiedenste Opferrituale vollzogen, um den Göttern zu danken, diese zu besänftigen und somit ihren Segen für das nächste Jahr zu erhalten.
Im Zusammenhang mit dem Neujahrsfest ist immer wieder von »Nian« die Rede. Das ist nicht nur der Name des hungrigen Monsters aus der chinesischen Mythologie, welches zu Neujahr aus seiner Höhle kriecht oder vom Berg steigt. Der Begriff kommt auch aus dem Altchinesischen und steht vor allem für »Reife des Getreides« und kann allgemein als »Jahr« übersetzt werden. Dabei orientieren sich die Chinesen am traditionellen Mondkalender (ähnlich unserem Osterfest, das ebenfalls die Komponente eines Frühlingsfestes besitzt). Deshalb ist das chinesische Neujahr nicht deckungsgleich mit unserem Silvesterfest, das sich am gregorianischen Kalender orientiert.
Stets auf der Suche nach dem Glück
Die kulturellen Praktiken während des Neujahrsfestes orientieren sich stets an diesseitigen glücksfördernden Momenten. Es werden nur die Tätigkeiten vollzogen, die glücksbringend sind. Und da gibt es eine Menge zu beachten. Beispielsweise werden vor dem festlichen Ereignis die Häuser gereinigt, Einkäufe besorgt, Haare geschnitten, Kleider gekauft und Wände gestrichen. Außerdem befestigt man überall in Rot gehaltene Neujahrssprüche an Türen und Wänden. Unglück bringend sind vor allem Tätigkeiten, wenn der Begriff dieser Tat gleichzeitig etwas Negatives bedeutet. Diese gilt es streng zu vermieden. Neue Schuhe beispielsweise sollte man während der Neujahrstage nicht kaufen, da die Bezeichnung »Schuh« (xié) gleichzeitig auch »schlecht, böse, ungesund« heißt. Dasselbe gilt für Bücher (shú). Sie beuten auch »verlieren«. Haare, die genau so klingen wie Wohlstand, sollte man also nicht abschneiden, sonst trennt man sich sozusagen von ihm. Das Glück wird förmlich ins Haus eingeladen: Dafür werden Lichter zur Wegweisung gezündet, Fenster geöffnet und das Haus einzugsbereit aufgeräumt. Das Jahr wird mit süßen Speisen sprichwörtlich »versüßt«.
Dies ist alles sehr diesseitsbezogen. Die Alltagsrituale zeugen nicht unbedingt vom Wunsch nach einem besseren Leben nach dem Tod, sondern richten sich stark nach einem glücklichen und langen Leben hier und jetzt. Der Schwerpunkt liegt auf jetzige zwischenmenschliche Beziehungen, Harmonie und Sittlichkeit.
Viele Chinesen gehen von einem harmonisch ausgeglichenen Kosmos aus und richten auch ihren Alltag danach aus. Farben, Jahreszeiten oder Stimmungen sind aufeinander abgestimmt. Auch das Harmoniebedürfnis in zwischenmenschlichen Beziehungen ist von besonderem Stellenwert. Man geht Streitigkeiten bewusst aus dem Weg, was somit ritualisierend wirkt. Indem viele Chinesen sich distanziert verhalten, geben sie spontanen und direkten Einflüssen im Alltag wenig Raum. Letzteres würde das harmonische Gleichgewicht stören. Auch Kritik durch Dritte - wenn sie zum Beispiel der Rolle, in der sie stecken, nicht mehr genügen - würde sie aus dem Gleichgewicht werfen. Hier wird ein weiterer wichtiger Aspekt deutlich: Die Meinung anderer ist ihnen sehr wichtig! Vor allem die Familie genießt absolute Priorität.
Kollektivbewusstsein
Zum chinesischen Neujahrsfest versammelt man sich in (Familien-) Klans, um das Fest gemeinsam zu begehen. Man trifft sich, beglückwünscht einander und verteilt Komplimente. Kindern und Unverheirateten werden Geldgeschenke in roten (!) Umschlägen überreicht. In den darauffolgenden Tagen werden enge Freunde und Bekannte aufgesucht, denen man ebenso Glückwünsche ausspricht. In Kreisen, wo kürzlich jemand verstorben ist, werden die Besuchsrunden in den nächsten drei Jahren ausgesetzt. Stattdessen gedenkt man der Toten und vollzieht zahlreiche Opferrituale.
Der Tod wird im chinesischen Verständnis als etwas sehr Negatives empfunden, daher dauert die Trauerzeit auch so lange an. Der ausgeprägte Ahnenkult dient darüber hinaus zur Abwehr der Seele im Jenseits vor drohenden Anfechtungen.
Während der langen Neujahrsfeier werden auch anderen Göttern Opfergaben dargebracht. In manchen lokalen Bräuchen erhält beispielsweise der Küchengott süße Speisen, damit er bei seinem Besuch beim himmlischen Jadegott, so heißt es in chinesischen Erzählungen, nur über gute Vorkommnisse des letzten Jahres berichtet. Auch der Wohlstandsgott wird meist in umliegenden Tempeln aufgesucht, um ihn mit Köstlichkeiten zu beschenken, damit er zum wesentlichen Glück für das nächste Jahr beiträgt.
Chinesisches Neujahrsfest
Beginn am 14. Februar
Rund um dieses wichtigste Fest des chinesischen Jahres bietet die German Association zahlreiche Veranstaltungen an:
- Themen-Coffee Morning zu »Chinese New Year« mit OiLeng Gumpert, Mittwoch, 3. Februar, 10:30 bis 11:00 Uhr
Chinese New Year Dinner im Yum Cha Restaurant in Chinatown, Freitag, 5. Februar, 19:30 Uhr
Chinatown Walk mit Geraldene, Samstag, 6. Februar, 9:00 bis 12:30 Uhr
Chingay Parade 2010
Wo: Pit Building und Promenade
Wann: Freitag, 19. Februar, ab 20:30 Uhr,
Samstag, 20. Februar, ab 20:00 Uhr
Karten: ab $25 unter www.sistic.com.sg






