Im September kam ich mir vor wie ein Igel, der sich abgeschottet und in seinem Blätterhaufen zusammengerollt hat. Genauer gesagt, mein Sohn und ich hatten uns zu Hause für zehn Tage verschanzt und vermieden tunlichst Kontakte mit der Außenwelt, seit bei ihm A/H1N1, die sogenannte »Schweinegrippe« festgestellt wurde (wie übrigens bei vielen anderen Kindern an der Holländischen Schule auch).
Bisher hatten wir, so gesagt, »Schwein gehabt« und niemand aus unserer Familie hatte sich mit der Schweinegrippe angesteckt, wie der Grippevirus oft in den Medien und im Volksmund genannt wird. Noch in den Sommerferien hatten uns Freunde in Deutschland - naja, nicht gerade belächelt - aber doch etwas verwundert angesehen, als wir sie nach dem Ausmaß und den ergriffenen Maßnahmen in Deutschland befragten und den Vergleich mit dem Umgang in Singapur zogen.
Ehrlich gesagt, als ich zum ersten Mal die mit Mundschutz und Fieberthermometer »bewaffneten« Sicherheitsleute oder Klinikpersonal bei den Eingängen von Kliniken, Arztpraxen und Bürokomplexen in Singapur sah, war ich gefühlsmäßig hin- und hergerissen zwischen akuter Panik und dem Gedanken »Übertreiben die nicht etwas?«
Die Lehren aus SARS
Man darf nicht vergessen: Singapur hat aus der Zeit von SARS 2003 gelernt und will potenziellen Gefahren keinen Vorschub leisten. Dass alles Menschen Mögliche unternommen wird, die Pandemie nicht weiter ausbrechen zu lassen, scheint daher logisch, wenn nicht sogar unerlässlich. Denn den Grippevirus gab es bereits zweimal - und dies mit verheerenden Folgen. 1918-1920 schlug die sogenannte Spanische Grippe mit rund 50 Millionen Todesopfern weltweit zu Buche; 1977-1978 erschien der Erreger erneut als »Russische Grippe« mit 700.000 Opfern, vornehmlich junge Menschen unter 30 Jahren.
Am 18. März 2009 tauchte der erste Fall des Subtyp A des H1N1-Erregers in Mexiko auf. Er hat sich weiter entwickelt und ist eine Mischung aus Schweine-, Vögel- und Menschenvirus. Daher kann er sich auch von Mensch zu Mensch weiter verbreiten. Seit die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese sogenannte Mexikanische Grippe am 11. Juni 2009, erstmals seit 41 Jahren, zur Pandemie ausrief, sind zufolge des ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control) bis Ende Oktober weltweit 5.938 Menschen daran gestorben. In Singapur belief sich die Zahl der registrierten Todesfälle bis Anfang September auf 18, wobei sich die akute Gefahr seitdem etwas abzuschwächen scheint.
Pharmakonzerne haben zwischenzeitlich außerdem einen Impfstoff gegen A (H1N1) auf den Markt gebracht und die Bevorratung läuft auf Hochtouren. Das Gesundheitsministerium in Singapur (Ministry of Health) hat auf jeden Fall die Verfügbarkeit von einer Million Dosen des Impfstoffes bis Ende dieses Jahres sichergestellt.
Zwischen Panik und Pflichtgefühl
Schweinegrippe? »Das ist doch alles nur übertriebene Panikmache«, so meinte eine Bekannte neulich. Im Vergleich zu den jährlich auftretenden Grippewellen in der Winterzeit nehmen sich die Zahlen der Schweinegrippe tatsächlich eher gering aus. So sterben weltweit jedes Jahr etwa eine halbe Million Menschen an der saisonalen Influenza. Allein in Deutschland sind es jährlich zwischen 8.000 und 11.000. Allerdings, für die Länder der Nordhalbkugel stehen die kalten Wintermonate bevor. Gesundheitsexperten befürchten, dass sich die Schweinegrippe dann massiv ausbreiten wird. Auch die WHO hat ihre Einschätzung bekräftigt, dass die weltweite Ausbreitung des Virus nicht zu stoppen sei.
»Und deshalb habt Ihr Euch so eingeigelt?«, so die Bekannte. Naja, wir sahen es eben als unseren Beitrag und Pflicht gegenüber der Allgemeinheit, einer möglichen weiteren Verbreitung des Virus (im Schweinsgalopp) mit den uns gebotenen Mitteln entgegenzuwirken. Denn, wenn jeder sich verantwortungsbewusst verhält ...
Übrigens hatten wir uns - passend zum Krankenbefund den Film »Three pigs and a baby« auf Video angesehen. Danach waren wir zwar nicht gleich wieder tierisch gut drauf (bei so hohem Fieber und der Unverträglichkeit des verabreichten Tamiflu samt Nebenwirkungen auch kein Wunder), aber Lachen war eben doch eine gute Medizin!
Renate Eijkholt | Fotos: Jörg Eschenfelder






