Es ist vier Uhr morgens. Nur die Nase aus meinem Schlafsack zu stecken, fällt mir schon schwer. Aber es hilft nichts: Aufstehen ist angesagt. Heute ist der grosse Tag: Wir wollen hoch auf 5000 Meter, auf den Goecha-La Pass mitten im Himalaya umschlossen von Nepal, Tibet und Bhutan. Nach fünf Tagen stetigem bergauf von 1700 auf 4300 Meter sind die letzten 700 Höhenmeter an der Reihe - und danach runter auf 3800 Meter, um der Höhenkrankheit so schnell wie möglich zu entkommen.
Vor uns liegt ein zehnstündiger Fußmarsch. Noch im Schlafsack gibt es den in Sikkim so beliebten Morgentee. Aus dem Schlafsack raus werden so schnell wie möglich zusätzliche Schichten angezogen - im kleinen Igluzelt eine echte akrobatische Leistung.
Unser Guide Gulchan - ein fröhlicher, zuverlässiger und geduldiger Weggefährte - wartet draußen schon auf uns. Langsam, aber kontinuierlich machen wir uns an den Aufstieg. Nach rund drei Stunden erreichen wir den ersten Aussichtspunkt. Der Himalaya - genauer die Kangchenjunga-Kette - liegt im Licht der aufgehenden Sonne vor uns. Das Gefühl, spätestens jetzt im höchsten Gebirge der Erde angekommen zu sein, ist überwältigend.
Nach kurzem Abwiegen des Kräftestands entscheiden wir uns, den Gipfelsturm zum Goecha-La Pass zu wagen. Die Strecke über ein vom Gletscher geformtes Hochplateau ist noch gnädig, aber dann wird es gnadenlos. Die Kurzatmigkeit durch die Höhe lässt unsere Fitness dahinschmelzen und die ersten Kopfschmerzen machen sich bemerkbar. Langsam kämpfen wir uns voran. Gulchan bringt uns derweil das nepalesiche Wort - in Sikkim spricht ein Großteil der Bevölkerung Nepali - für »langsam« bei: »bistari«.
Nach einem letzten steilen Anstieg haben wir es geschafft und der Kangchenjunga, mit 8586 Metern der dritthöchste Berg der Welt, ist zum Greifen nah. Ich verstehe, warum für viele Nepalesen, Tibeter und Inder dieser Berg ein Heiliger ist. Ich fühle mich klein und groß zugleich. Und trotz des Pochens in den Schläfen verleiht uns die Herrschaftlichkeit des Himalaya und die Überwindung des inneren Schweinehundes Flügel. Ein unvergesslicher Moment.
Kerosin und kulinarische Genüsse
Um ein Uhr mittags sind wir zurück in unserem Zeltlager. Dort wartet bereits ein warmes Mittagessen auf uns. Ich bin immer wieder erstaunt, welch kulinarische Genüsse unser Koch mit den einfachsten Mitteln in einem Topf auf einem Kerosin-Kocher zaubern kann. Einen gedeckten Apfelkuchen hätte ich jedenfalls mitten in der Hochgebirgswildnis nicht erwartet.
Wir hängen noch zwei weitere Stunden Fußmarsch dran. Dann können wir völlig erschöpft in unsere Schlafsäcke krabbeln, die wir nur noch für das Abendessen kurz wieder verlassen.
Wir haben noch zwei weitere volle Wandertage vor uns, bis wir wieder in Yuksom, dem Startpunkt unseres Treks und das Tor zur Zivilisation, sein werden. Aber ich weiß, dass uns blühende Rhododendron-Wälder, reißende Gebirgsbäche und wilde Orchideen erwarten. Und in Thsoka, unserer vorletzten Station, gibt es in der winzigen Hütte mit der gemütlichen Ecke um den gusseisernen Ofen ein »tongba« - ein Gebräu mit fermentierter Hirse. So fällt der Abschied leichter. Ein Abenteuer geht zu Ende, aber das nächste wartet sicher schon.
Corinna Kielwein (Text + Fotos)
Sikkim
Das ehemalige Königreich Sikkim im Himalaya ist ein Bundesstaat Indiens, der von Nepal, Tibet und Bhutan umgeben ist. Die Bevölkerung ist zum Großteil nepalesischer und tibetischer Herkunft. Weitere Informationen: www.sikkiminfo.net und www.sikkim-holidays.com.






