Für die meisten von uns beginnt der Aufenthalt in Singapur mit der Ankunft am Changi Airport. Dieser Flughafen ist das Drehkreuz für Flüge von und nach Europa, Asien und Australien. Für Stop-over-Passagiere heißt das auch, endlich die Beine vertreten zu können und Kraft zu tanken für die Weiterreise nach Irgendwo.
Doch Singapur hat noch ein zweites Luftkreuz, auf dem zwischen September und April so richtig was los ist: das Naturreservat Sungei Buloh. Was für Vögel aus Blech der Flughafen im Osten ist, sind für Vögel mit Federn die Wattflächen im Nordwesten Singapurs.
Sungei Buloh liegt entlang des sogenannten East Asian Australasian Flyway. Zugvögel benutzen diese Route von ihren Winterquartieren in Australien und Neuseeland auf der Südhalbkugel zu ihren Brutplätzen in Sibirien und Alaska auf der Nordhalbkugel. Auf ihrer Migrationsreise passieren jedes Jahr rund 15.000 Zugvögel Singapur und nutzen die Wattflächen des Reservats als Rast- und Futterplatz.Fast Food für Zugvögel
Denn so, wie bei Flugzeugen die Reichweite begrenzt ist, brauchen auch Zugvögel gelegentlich Zwischenlandungen zum „auftanken“, bevor sie die nächste Etappe ihres Fluges in Angriff nehmen können. Als Treibstoff dient ihnen dabei ein Fettpolster, welches sie sich vor Beginn ihrer Reise anfressen. Für die Vögel ist es dabei entscheidend, dass sie schnell und viel Nahrung finden, um nicht unnötig Zeit zu verlieren. Fast Food im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Mangroven als eines der produktivsten Ökosysteme bieten ihnen dafür ideale Bedingungen. Das reiche Angebot an Krabben, Garnelen, Würmern, Muscheln und Fischen in den Gewässern und Wattflächen Sungei Bulohs stellt sicher, dass sich die Vögel genügend Fettreserven anfressen können, um für die Strapazen ihrer langen Reise gewappnet zu sein.
Den Daten der Ranger nach zu urteilen, nutzen die Vögel das Angebot auch reichlich – innerhalb von zwei bis drei Wochen erhöhen die Vögel ihr Körpergewicht um bis zu 30 Prozent. Was für jede Frau wohl DER Alptraum schlechthin wäre, ist für Zugvögel jedoch überlebenswichtig. Nur so haben sie Kraft und Ausdauer, ihr Reiseziel – je nach Saison auf der nördlichen oder südlichen Hemisphäre – zu erreichen.
Non-Stop von Alaska nach Neuseeland
Dabei vollbringen manche Arten wahre Meisterleistungen: Eine Pfuhlschnepfe (Limosa lapponica), die von Wissenschaftlern 2007 mit einem Sender ausgestattet und deren Flugweg über Satellit verfolgt wurde, legte in etwas über acht Tagen 11.680 Kilometer zurück, non-stop von Alaska zur Nordinsel Neuseelands. Quer über den Pazifik. Nicht schlecht für ein Fluggerät mit dreihundert Gramm „Leergewicht“.
Noch bis April kann man die Hauptdarsteller in einem der faszinierendsten Schauspiele der Natur bequem von den Unterständen und Aussichtsplattformen im Sungei Buloh Wetland Reserve beobachten. In Scharen bevölkern Regenbrachvögel, Rotschenkel, Goldregenpfeifer und andere Zugvogelarten die Wattflächen und genießen das reichhaltige Angebot an frischem Seafood, bevor sie sich wieder auf den Weg machen, dem Ziel ihrer beschwerlichen Reise entgegen.
Robert Heigermoser (www.ulusingapore.com)
Foto: Mendis Tan, Sungei Buloh Wetland Reserve






